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Alles supi

Der Zeitgeist, der in meinem nicht näher attestierten Hirngeflecht eine wabernde, quietschbunte Oberflächlichkeitsmasse darstellt, kotzt mich im Detail seit den Beschwichtigungsversuchen (und den irgendwann daraus resultierenden Verschwörungstheorien) ab 9/11 an.

In jeglichem Lebensbereich ist nichts mehr „schlecht“, alles hat man gelernt zu umschreiben. Eine Gruppe von Idioten darf man nicht mehr als Gruppe bewerten – also außer alles, was bei „konservativ“ losgeht und bei „rechts“ endet. Ansonsten sind alles Einzelsubjekte, die mit nichts zu tun haben, am wenigstens mit den Thesen, die sie vertreten.

Standen die Grünen (aka „AL – Die alternative Liste“ in Berlin) in den 80igern für die Abschaffung von Schulen, von Gefängnissen, der Polizei und den straffreien Sex mit Minderjährigen, so darf man sie heute nicht mehr als ziemlich kranken Haufen bezeichnen, sondern man hat Einzeltäter ausgemacht. Denn das wäre ja als ob man die SPD als Pädophilenpartei hinstellt, weil sie Edathy als Mitglied haben.

Nein, Ihr Verallgemeinerer und Schönfärber: genau das ist der Unterschied: die Grünen haben das seinerzeit als Parteiprogramm geführt, Edathy ist ein Einzeltäter.

Ich erinnere an ein unlängst mit meiner Tochter geführtes Gespräch. Als ich mich erkundigte, was denn Lisa so macht. Ich hätte schon lange nichts mehr von ihr gehört.

„Ach, die wiederholt die Klasse“, bekam ich zur Antwort.

„Oh, ist sitzengeblieben?“, fragte ich detailliert, aber Lichtjahre vom politisch-korrekten, deutschen Wortschatz entfernt nach.

Nein, Lisa wäre nicht sitzengeblieben, erklärte mir mein Nachwuchs in Nuancen empört. Das gäbe es nicht mehr.

Da sich meine Hilfe bei Schularbeiten mittlerweile auf das Aussuchen des passenden Designs einen Arbeitshefters beschränkt, weil mich der Stoff völlig überfordert, und ich nicht wie der alte Depp dastehen wollte, fragte ich zaghaft nach, worin denn der Unterschied bestünde.

Ich erspare Ihnen, werter Leser, die näheren Ausführungen meiner pubertierenden Tochter und mache es kurz: es gibt keinen Unterschied. Alles genau das selbe. Man darf dem geschundenen Schülerchen aber nicht mehr sagen, daß es ggf. zu blöd oder zu faul ist. Deswegen: Daumen hoch, „Das hast Du super gemacht!“, anstimmen, und: „Weil Du das so geil gemacht hast, mach‘ es einfach noch mal!“

Ein Kollege, gegenüber dem ich dieses Geschichtchen erzählte, fiel in sich zusammen und fügte folgenden Anekdote hinzu: bei Wettkämpfen in der Schule seiner Kinder gäbe es keinen zweiten Platz mehr. Es gäbe nur noch den „ersten, zweiten und dritten Gewinner“.

Echt jetzt? Ist es notwendig, Bürgern in einem Land, das sich nach dem totalen Niedergang innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer respektablen Nation entwickelt hat, mit dem Reboot von Werten und Wortschätzen ein falsches Selbstbewußtsein anzuerziehen?

Wirre Internetseiten ziehen immer den Vergleich zum Utopia-Thriller 1984 von George Orwell und dem darin behandelten „Neusprech“. Ich habe langsam Schwierigkeiten, mich diesem Vergleich zu entziehen.

Spätestens, wenn absurde Internetseiten wie Neue Deutsche Medienmacher vom ZDF, von Verdi oder der Bertelsmann-Stiftung unterstützt werden. Die NDM setzen sich völlig ohne Umschweif für den Neusprech in deutschen Medien ein. Explizit für das Vertuschen von ethnischen Herkünften etwaiger Straftäter in Medienberichten.

Obwohl das völlig absurd ist: Hauptgrund ist, es soll nicht negativ auf bestimmte Gruppe hingewiesen werden, das wäre diskriminierend, denn die sind ja nicht alle so. Warum hat man dann Angst vor einer klaren Berichterstattung? Lehnen wir uns zurück und genießen die News. „Bestimmte Gruppen“ haben dann ja nichts zu befürchten. Sie sind ja nicht so.

Dieser Einheitsbrei, dieses Menscheln mit falschen Werten, damit sich ja keiner auf den Schlips getreten fühlt. Überall werden Ecken und Kanten abgeschliffen und Individualität mit Instagram– und Facebook-Accounts simuliert. Mit Tattoo-Uniformen und Tunnel-Ohrringen, die mittlerweile jeder trägt.

Aber bloß nicht sagen, daß der bekiffte Hauptschulabbrecher, der mit 22 mit seinem HartzIV-Bezug und seinen gerichtlich festgelegten Sozialstunden ein Totalversager ist.

(Die NDM hatten mich auf Twitter übrigens geblockt, nachdem ich mehrmals nachfragte, warum bei Opfern, aber nicht bei Tätern eine ethnische Zuordnung erfolgt. Eine Antwort bekam ich natürlich nicht.)

Vollpfosten heißt jetzt Reichsbürger

Mich beschäftigt dieses Thema schon länger als es in den Medien ein Echo findet.

Zieht ein sog. Reichsbürger doch sein Potential daraus, daß er sich hinstellt und eine Behauptung aufstellt, die weder innerhalb von Minuten überprüft noch widerlegt werden kann. Zumal es auch noch indirekt unehrenhaft eine etwaige Blauäugigkeit des Staatsbediensteten unterstellt.

Im Rahmen meiner Berufstätigkeit bin ich so einem Schwachmaten mal begegnet. Der sich darauf freute, mich vor einem Militärgericht wiederzutreffen. Denn er stehe im regen Kontakt mit russischen Behörden und auch Putin würde seine Rechtsauffassung teilen. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis der „ganze Schwindel auffliegen“ würde (70 Jahre hat’s ja keiner gemerkt, Respekt).

Ganz besonder wichtig war ihm, daß er kein Nazi sei. Das eine hätte mit dem anderen nix zu tun.

Nee. Nur die Grenzen des Großdeutschen Reiches vor ’45 anerkennen, aber im Herzen ein lupenreiner Demokrat. ‚Türlich.

Witziger Weise stand der Knabe im Hartz-IV-Bezug. Ausgezahlt in Euro. Also eine nach seiner Meinung nach ungültigen Währung. Witzig, oder? Konsequenz ist nicht so ganz deren Ding.

Außer beim Krawallmachen.

Bei der Suche im Netz stolperte ich auch über folgende Absätze:

„Reichsbürger“ hinter Gittern sehen sich nicht als Häftlinge, sondern als „Kriegsgefangene“. Das deutsche Grundgesetz verbietet es freilich, die Kumpane hier beim Wort zu nehmen und die alliierte Ordnung der Jahre 1945/1946 auf sie anzuwenden.

Dabei wäre es ein originelles Bild, wenn kriminelle Anhänger dieses rechtsextremen Wahnsystems künftig nicht mehr von deutschen Polizisten, sondern amerikanischen GIs oder Rotarmisten in Gewahrsam genommen würden. Die narzisstische Großmäuligkeit würde ihnen in einem Gefangenenlager nach damaligen Standards sicher schnell wieder vergehen.

Genau mein Humor. Müßte man den Nazis bloß mit dem Holzhammer näherbringen.

(Zitat: Die Welt/ n24, von Claus Christian Malzahn, 25.10.2016)